Mt. Roraima

Roraima Gipfelplateau Felsformation Charakteristische Felsformation auf dem Gipfelplateau

Wer kennt nicht Arthur Conan Doyles Roman »Die vergessene Welt«, in dem unerschrockene Forscher Abenteuer mit Sauriern und anderen vorzeitlichen Wesen bestehen müssen. Irgendwo weit entfernt, am Rande der Welt im südamerikanischen Dschungel, lag der geheimnisvolle Tafelberg, auf dessen Gipfelplateau sich die Urzeit bis heute erhalten hatte. Das Wahre an dieser Geschichte ist: Das echte Vorbild für diese Welt gibt es wirklich, den Mount Roraima, versteckt im nahezu unzugänglichen Südosten Venezuelas. Einer der ersten Europäer, der ihn erreichte und die steilen Hänge an seiner Basis bestieg, war 1832 der deutsche Forschungsreisende Robert Schomburgk, der im Auftrag Großbritanniens die Grenze zwischen Venezuela und der damaligen Kolonie Britisch-Guayana vermessen sollte. Seine Berichte brachten den wolkenverhangenen Berg mit den senkrecht aufragenden Felswänden ins Bewusstsein der westlichen Welt. So entstand, nicht zuletzt beeinflusst von der aufkommenden Lehre Darwins, die Vermutung, daß sich auf der unzugänglichen Hochebene Saurier erhalten haben könnten. Aber niemand hatte diese sagenumwobene Welt jemals betreten. In den alten Mythen der dort lebenden Pemón-Indianer waren die Tafelberge die Stümpfe der gewaltigen Lebensbäume, die einst für unerschöpfliche Nahrung sorgten. Sie nannten diese Berge Tepuis ‒ Häuser der Götter ‒ und hielten sich von ihnen fern.
Auch die folgenden Expeditionen scheiterten am undurchdringlichen Dschungel und an den oft tagelangen tropischen Regenfällen. Selbst diejenigen Forscher, die sich dem Berg weit genug nähern konnten, fanden keine Aufstiegsmöglichkeit. So verfestigte sich die Ansicht, daß der Roraima unbesteigbar wäre, was seinen Mythos als Rückzugsort von Urlebewesen weiter stärkte.

Es dauerte bis etwa 1880, als der englische Ornithologe Henry Whitely einen Felsabbruch an der Südflanke des Roraima entdeckte, auf dem er eine Aufstiegsmöglichkeit vermutete. Zwar konnte er diese Annahme selbst nicht überprüfen, trotzdem lag er richtig ‒ diese »Rampe« ist der einzig mögliche Zugang zum Gipfel.
Schon 1884 nutzten die Engländer Everard im Thurn und Harry Perkins Whitelys Entdeckung und standen damit als erste Europäer auf dem Gipfel des Roraima. Sie fanden zwar keine Saurier, aber eine exotische Welt voller Wunder.

Roraima and Kukenan from above Blick aus dem Weltall. Rechts der Roraima Tepui, links der Kukenán.
Roraima Tepui 1876 Darstellung des Roraima Tepui aus dem Jahre 1876

Der Angel-Fall am Auyan-Tepui
Video: Eric Buschbell

Ilu Tepui Der kleine Wadakapiapué-Tepui vom Kukenán gesehen. Im Hintergrund der Ilú-Tepui

Vom Auyan- bis zum Roraima Tepui

Insgesamt gibt es über hundert dieser Berge und manche sind noch niemals von Menschen betreten worden. Die meisten befinden sich in Venezuela im heutigen Nationalpark Canaima. Darunter sind Winzlinge wie der Wadakapiapué-Tepui, der eher einer verwitterten Felsnadel gleicht, und Riesen wie der Auyan-Tepui, auf dessen 700km² großem Hochplateau die Stadt München zweimal Platz finden würde. Auf ihm entspringt der mit 972m welthöchste Wasserfall, benannt nach dem amerikanischen Buschpiloten Jimmy Angel, der 1937 sein Flugzeug auf dem Hochplateau landete und nur mit großen Mühen wieder herunterfand.
Der Auyan-Tepui ist zwar der größte, aber nicht der höchste Tafelberg. Diese Ehre gebührt dem besagten Roraima-Tepui, der es auf 2810m Höhe bringt. Mit 34km² Fläche ist er der größte der östlichen Tepuis, die sich über einige Dutzend Kilometer entlang der Grenze zu Guyana aufreihen. Auf seinem Gipfelplateau treffen sich die drei Staaten Venezuela, Guyana und Brasilien.

Wer heute dort oben steht kann verstehen, warum dieser Berg über Jahrzehnte Ziel und Inspiration für Generationen von Entdeckern war. Er ist eine völlig andersartige Welt, mit Pflanzen und Tieren, die es nur hier gibt und wunderlichen Felsformationen, die sich kein Künstler jemals hätte ausdenken können. Voller Spalten und Schluchten, die von der Erosion in Millionen von Jahren hervorgebracht wurden. Sonne, Wolken und Nebel wechseln sich im Minutentakt ab und was gerade noch wie eine zauberhafte Märchenwelt erschien, verwandelt sich binnen Sekunden in ein düsteres Schattenreich voller dunkler Gestalten.

Woher kommen aber diese faszinierenden Berge, wie sind sie entstanden?

Dazu muß man mehrere hundert Millionen Jahre zurückgehen, als die gesamte Landmasse der Erde in einem einzigen riesigen Kontinent zusammengefaßt war, dem vom Urozean Thalassia umgebenen Großkontinent Pangäa. Im Erdzeitalter des Trias, vor etwa 230 Mio. Jahren, begann er aufgrund tektonischer Veränderungen in den Nordkontinent Laurasia und den Südkontinent Gondwana auseinanderzubrechen. Auch dieser zerbrach in den folgenden Millionen von Jahren, wobei der östliche Teil zu Afrika und der westliche zu Südamerika wurde. Beide drifteten auseinander und eine der riesigen Kontinentalplatten des Urkontinents formte den Nordosten Südamerikas. Einst war er bedeckt mit mehreren tausend Meter dicken Sandsteinablagerungen, den Überresten uralter Gebirge, die im Verlaufe von Milliarden Jahren entstanden und wieder vergangen waren. Ein Teil dieser Platte, das Guyana-Bergland, wurde fast tausend Meter angehoben und zerbrach in viele Stücke. Damit beschleunigte sich vor etwa 150 Mio. Jahren, im Erdzeitalter des Jura, die Erosion der Sandsteinschicht. Das Ergebnis ist die Gran Sabana, eine wilde zerklüftete Hochebene. Dort, wo der Sandstein besonders hart und widerstandsfähig war, hat sich die ursprüngliche Oberfläche erhalten. Heute bilden diese Reste die Tafelberge, die sich wie urtümliche Monumente aus der Steppe und dem tropischen Regenwald erheben.
Der Sandstein des Roraima besteht fast vollständig aus reinem Quarz. Da es zur Zeit seiner Entstehung bis auf einige Bakterien und Algen noch kein Leben auf der Erde gab, ist er völlig frei von eingelagerten Fossilien. Deshalb war die Bestimmung seines Alters sehr schwierig und gelang erst, als magmatische Einpressungen mit Hilfe des Uranzerfalls untersucht wurden. Dabei ergab sich ein Alter von mindestens 1,8 Mrd. Jahren, wahrscheinlich mehr. Der Fels der Tafelberge gehört damit zu den weltweit ältesten Gesteinen.

Der Guyana-Schild wird im Norden vom Orinoco und im Süden vom Amazonas begrenzt. Beide Flüsse sind im Quellgebiet miteinander verbunden, so daß sich zusammen mit dem Atlantik eine »Insel« ergibt

Schon die Anreise ist ein Abenteuer

Zu Zeiten der ersten Entdecker existierte nur ein Zugang zu den Tepuis: Von der Atlantikküste im Nordosten entlang der Flüsse in Guyana. Da diese aber wegen vieler Wasserfälle kaum schiffbar waren und ohnehin in die »falsche« Richtung flossen, blieb nur der extrem schwierige Weg durch hunderte Kilometer Urwald. Der Zugang von Süden war wegen der großen Entfernungen lange Zeit ebenfalls kaum möglich. Das änderte sich erst, als in den 1950ziger Jahren eine Straße zwischen Venezuela und Brasilien gebaut wurde. Sie führt direkt durch den Nationalpark und nur 50km an den Tepuis vorbei, wodurch der Zugang sehr viel leichter wurde.

Heute ist der Ausgangspunkt für die Besteigung des Roraima das Städtchen Santa Elena de Uairén, das nur wenige Kilometer vor der Grenze zu Brasilien liegt. Von der Hauptstadt Caracas wird es derzeit nicht angeflogen, deshalb bleibt nur die besagte Straße #10, die Puerto Ordaz am Orinoco mit Boa Vista in Brasilien verbindet. Puerto Ordaz ist eine Flugstunde von Caracas entfernt, von dort sind es noch 600km bis Santa Elena. Die Fahrt im »eigenen« klimatisierten Bus führte durch eine Reihe von kleineren Orten wie z.B. die Goldgräberstädte El Callao und El Dorado, wo eine noch von Gustave Eiffel konstruierte Stahlbrücke den Rio Cuyuní überquert. Der Tag endete in einem »Urwaldhotel« mit einem Abendessen bei einer Indianerfamilie. Wer wollte, konnte eine würzige Termitensuppe probieren oder im Garten die großen »24-Stunden-Ameisen« beobachten. Ihren Namen verdanken sie dem äußerst schmerzhaften Biß, der 24 Stunden anhalten soll.

Am nächsten Tag ‒ ein paar Kilometer hinter Las Claritas, ebenfalls eine Goldgräberstadt ‒ war der Canaima Nationalpark erreicht. Mit einer Fläche von 30000km² ist er etwa so groß wie die Schweiz und damit einer der größten Nationalparks weltweit. Schon bald tauchten weit im Osten die ersten wolkenverhangenen Tepuis auf und gaben einen Vorgeschmack auf das kommende Abenteuer.
Nach einem Zwischenstop an einem Wasserfall zum Abkühlen in der tropischen Hitze und einem Besuch des »Jaspisflusses« war dann die Posada los Pinos in Santa Elena de Uairén erreicht.

Balbina rockt

Balbina ...und im Kreise ihrer Mannschaft

Nach einer Übernachtung in Santa Elena ging es frühzeitig mit dem Jeep etwa 50km auf derselben Straße wieder zurück und dann noch einmal gut 30km über eine von Rissen zerklüftete Schotterpiste zum Indianerdorf Paraitepui, dem eigentlichen Startpunkt der sechstägigen Trekkingtour. Hier stießen noch einige einheimische Träger dazu, ohne die das Ganze kaum machbar gewesen wäre. Schließlich mußte von den Zelten über die Verpflegung samt Kochgeschirr bis zum transportablen Chemieklo alles hinauf auf das Hochplateau und wieder zurück mitgenommen werden. Zu den elf Touristen kamen so noch einmal gleich viele einheimische Begleiter.

Es geht los

Die Gran Sabana ist eine trockene Grasfläche ohne Schatten. Nur dort, wo ein Bach Feuchtigkeit spendete, wachsen malerische Galeriewälder, in denen sich Papageien und andere Vögel tummeln. Am späten Nachmittag war das Lager am Rio Tök erreicht, wo uns ein Bad im nahen Fluß erwartete. Außerdem ein kaltes Bier, das ein geschäftstüchtiger Indianer verkaufte. 

Der nächste Morgen begann mit der Flußüberquerung des Rio Tök, der hinter dem Lager vorbeifloß. Einige Kilometer später folgte der Rio Kukenán, dessen Ursprung der mit 610m zweithöchste Wasserfall im Nationalpark am gleichnamigen Tepui ist. Allerdings versiegt er in der Trockenzeit weitgehend und so war auch der Fluss eher ein Rinnsal, das auf großen Steinen trockenen Fußes überquert werden konnte. Zur Regenzeit oder nach einem tropischen Wolkenbruch können diese Flüsse allerdings zu reißenden Strömen werden, die nur mit Hilfe der erfahrenen Träger und vorsorglich angebrachter starker Seile überwunden werden können.

Das Faszinierende waren jedoch die beiden Tepuis direkt voraus ‒ rechts der Roraima und links sein Zwilling Kukenán ‒ die mit jedem Kilometer ein wenig größer und deutlicher wurden. Ein altes Indianersprichwort besagt, wenn man die Berge nicht sieht regnet es, und wenn man sie sieht, regnet es gleich wieder. Aber keine Regel ohne Ausnahme, von Regen war weit und breit nichts zu sehen. Allenfalls spendeten einige Wolken hin und wieder etwas Schatten in der fast baumlosen Savanne.

Mit jedem Kilometer bergauf wurde der Weg schmaler und steiniger. Er endete schließlich am Basislager, das auf 1870m Höhe direkt unterhalb der gewaltigen und über 6km breiten Roraima-Südflanke liegt. Angesichts der hunderte Meter senkrecht aufragenden Felswand versteht man, warum der Roraima für lange Zeit als unbezwingbar galt.

Nur noch 1000 Höhenmeter

Der Aufstieg zum Gipfelplateau begann frühzeitig am nächsten Morgen. Durch einen mit großen Felsbrocken garnierten Bachlauf führte der Weg zu einer ersten steilen Wand mit notdürftig ausgehauenen Stufen. Oberhalb dieses Anstiegs wurde es wieder flacher und es ging auf einem Trampelpfad über Felsbrocken und Wurzeln weiter bergauf in Richtung Felswand. Je höher man kam, desto feuchter wurde es und die Vegetation der trockenen Steppe verwandelte sich in einen Bergnebelwald mit von Flechten und Bromelien besetzten Bäumen. Dazwischen blühten Orchideen und viele andere Pflanzen. Ab und zu lichtete sich die dichte Vegetation und gab den Blick frei auf die Gran Sabana. Vor knapp 100 Jahren geriet ein künstlich gelegter Brand in der Savanne außer Kontrolle und vernichtete einen Großteil dieses Pflanzenbewuchses bis knapp unter das Gipfelplateau. Hier und da erinnern noch verkohlte Reste von Bäumen an dieses Ereignis.

Dann war die Felswand erreicht, Gelegenheit zu einer Rast und dem Auffüllen der Wasservorräte an einer Quelle. Danach führte der Weg einige hundert Meter entlang der Felswand, bis es noch einmal steil nach unten zu einem Bach ging, der sich tief in den Fels eingeschnitten hatte. Aber das Ende des Aufstiegs war schon zu sehen. Auf dem letzten steilen Abschnitt sorgte ein fast versiegter Wasserfall noch einmal für eine willkommene Abkühlung. In der Feuchtigkeit wuchsen meterhohe Baumfarne und die Felswand des Roraima hatte vom Algenbewuchs eine grüne Farbe angenommen. Der »Weg« bestand mittlerweile aus riesigen Felsbrocken, die möglichst auf der richtigen Seite umgangen werden mußten.
Nach fünf Stunden Kletterei über Stock und Stein ‒ und das im wahrsten Sinne des Wortes ‒ war das Hochplateau erreicht. Es empfing die Gipfelstürmer mit strahlendem Sonnenschein, blauem Himmel und einer beeindruckenden Fernsicht. Ringsum skurille Felsformationen, dazwischen Wassertümpel, an denen fleischfressende Kannenpflanzen und Sonnentau wuchsen. Das Bewußtsein, tatsächlich auf dem Roraima zu stehen, war überwältigend und mit nichts zu vergleichen.

Vom Endpunkt der Rampe war es noch ein Kilometer bis zum »Hotel«. So werden die Felsen bezeichnet, die wegen ihrer Überhänge einen guten Schutz gegen die sintflutartigen Regenfälle bieten. Sie haben sogar Namen, unser Hotel hieß »Principal«. Es lag direkt hinter dem Maverick Rock, der mit 2810m höchsten Erhebung des Roraima.
Im touristisch weniger frequentierten Norden existiert ein fast unzugängliches Gebiet aus riesigen Steinskulpturen, das sogenannte Labyrinth. Darunter verbergen sich gewaltige Höhlensysteme, die erst vor einigen Jahren entdeckt wurden. Dort, kurz vor der Nordspitze, befindet sich auch der größte See, der nach Arthur Conan Doyles Roman »Lake Gladys« genannt wurde.

Roraima, Balbina Wächter der vergessenen Welt

Extreme Bedingungen für Flora und Fauna

Da ein Austausch zwischen oben und unten faktisch nicht vorhanden ist, sind 80% der hier vorkommenden Pflanzen und Tiere endemisch. Das Hauptproblem sind die gewaltigen Regengüsse, die alles wegschwemmen, was sich nicht ausreichend festhalten kann. Nährstoffreiche Erde ist deshalb selten, so dass die Pflanzen zur Versorgung mit Stickstoff auf tierisches Eiweiß zurückgreifen müssen. Selbst Bromelien locken Insekten an, die dann in den kelchartigen Wasserbehälter fallen und verdaut werden.

Als zusätzliche Schwierigkeiten kommen noch die klimatischen Besonderheiten dazu. Während unten tropisches Klima herrscht, ist es auf dem Plateau vergleichsweise rauh. Tagsüber heizt die Äquatorsonne (sofern sie scheint) den Fels auf, während es in der Nacht bis auf fünf Grad oder sogar darunter abkühlen kann.

Mit diesen Extrema muß natürlich auch die Tierwelt auf dem Plateau zurechtkommen. Saurier gibt es zwar keine, dennoch lag A.C.Doyle nicht vollkommen falsch ‒ ein Relikt aus der Urzeit ist heute der berühmteste Vertreter der Fauna. Es ist der nur 2cm große urtümliche Lurch Oreophrynella quelchii, der ausschließlich auf dem Roraima und dem kleineren Wei-Assipu-Tepui lebt. Eine andere Art mit gleichen Wurzeln, Oreophrynella nigra, kommt dagegen nur auf den benachbarten Kukenán- und Yuruani-Tepuis vor. Leider war es im März zu trocken, so dass von diesem Roraima-Bewohner, der nicht springen kann und nur langsam kriecht, nichts zu sehen war.

Neben Insekten wie Libellen, Schmetterlingen, Käfern und einer geheimnisvollen Wassergrille gibt es Hundertfüßler, Spinnen und Eidechsen. An Vögeln existieren endemische Sperlinge, Finken und Fliegenschnäpper sowie ein Roraima-Kolibri. Wie die einheimischen Träger berichteten, soll sich ab und zu auch einmal einer der riesigen Harpyien auf dem Gipfel sehen lassen. Vielleicht jagt er Mäuse, von denen es zwei Arten gibt, oder das einzige größere Säugetier, den südamerikanischen Coati oder Nasenbär. Wir hatten das ausgesprochene Glück, diesen fuchsgroßen Bewohner des Roraima sehen zu können, als er eine Senke ohne Scheu durchquerte. Balbina, die einheimische Reiseführerin, die schon dutzende Male auf dem Gipfel stand, hatte ihn bisher nur einmal zu Gesicht bekommen und konnte ihr Glück kaum fassen. Allerdings ist nicht erwiesen, ob es sich bei diesem Nasenbär um einen permanenten Bewohner des Gipfelplateaus handelt, oder ob er ähnlich den Touristen den Berg über die Rampe besteigt und auch wieder verläßt.

Angesichts der erstaunlichen Artenvielfalt, die sich über Millionen von Jahren in nahezu perfekter Isolation entwickeln konnte, ist die Bezeichnung »Galapagos des Festlands« nicht zu weit hergeholt. Noch immer werden neue Arten auf dem Hochplateau entdeckt und bis heute gehören die Tepuis zu den am wenigsten erforschten Gebieten der Erde.

Oreophrynella quelchii Oreophrynella quelchii, der berühmteste Roraima-Bewohner
Roraima-Coati Roraima-Nasenbär
Roraima-Spatz Nur ein Roraima-Spatz. Aber so hoch muß man erst einmal wohnen

Die letzten Meter

Ein Höhepunkt ‒ und das im wahrsten Sinne des Wortes ‒ ist die Besteigung des Maverick Points. Er erhebt sich direkt an der Abbruchkante gegenüber dem Hotel, dazwischen lagen einige hundert Meter von Wasser und Sumpf bedeckter Steinfläche. Der »Vorteil« des Roraima-Sandsteins ist seine gute Begehbarkeit, selbst im nassen Zustand ist er wegen seiner rauhen Oberfläche relativ rutschfest. Aber von Regen war auch am letzten Abend nichts zu sehen. So hatten wir von dieser höchsten Erhebung eine fantastische Fernsicht über die Gran Sabana. 

Abstieg

Am Morgen des dritten Tages schlug die Stunde des Abschieds. Viel zu früh, denn der ganze Norden des Hochplateaus mußte aus Zeitgründen unerforscht bleiben. Das Wetter zeigte sich wie schon in den vergangenen Tagen von seiner besten Seite, die Regenschutzbekleidung konnte weiterhin unbenutzt im Rucksack bleiben. Nach vier Stunden Abstieg war das Basislager erreicht, wo es nach einer kleinen Rast gleich weiter zum Zwischenlager am Rio Tök ging. Unterwegs kamen uns ganze Scharen an einheimischen Touristen entgegen, die das Osterwochenende auf dem Gipfel verbringen wollte. Am Nachmittag, nach 25km Fußmarsch durch die trockene und heiße Savanne, war dann das Ziel erreicht.
Bei einem erfrischenden Bad im Fluß zeigte sich der Roraima noch einmal so, wie er das schon eine Woche vorher getan hatte - wolkenfrei in der Abendsonne. Trotzdem hatte sich etwas grundsätzlich verändert: Wir waren oben, auf einem der ungewöhnlichsten und geheimnisvollsten Flecken dieser Erde.

Touristisches

Auch wenn die Tepuis noch immer »am Rande der Welt« liegen, sind sie dank moderner Verkehrsmittel nicht mehr unerreichbar. Trotzdem sollte unbedingt die Hilfe eines erfahrenen Reiseveranstalters in Anspruch genommen werden. Allein die Besteigung des Roraima setzt die Erlaubnis der Nationalparkbehörde voraus, die wiederum ohne einen zugelassenen Bergführer nicht erteilt wird. Der Sinn dahinter ist klar, denn wer sich im Labyrinth der Felsen, Spalten und Schluchten auf dem Hochplateau erst einmal verirrt hat, hat ein Problem. Wenn dann noch Nebel oder gar eine Verletzung dazukommt, kann es ungemütlich werden.
Es empfiehlt sich, die Reise in die Trockenzeit von Dezember bis April zu legen. Dann sind zwar die malerischen Wasserfälle am Berg weitgehend versiegt und die Vegetation ist nicht mehr »frisch«, die Durchquerung der Flüsse, der Aufstieg und der Aufenthalt oben sind aber wesentlich angenehmer als im permanenten Regen und dichtem Nebel.

In Deutschland wird die Reise von der Fa. schulz aktiv reisen in Dresden angeboten. Die komplexe Logistik vor Ort übernahm Eric Buschbell, der als Deutscher seit vielen Jahren in Santa Elena lebt und dort die Posada los Pinos betreibt.